The Swiss Pavilion at the Venice Architecture Biennale 2018



Erfolgreiche Architektur

Die meistgebauten Architekturen unserer Umwelt haben ihren Erfolg wohl der Tatsache zu verdanken, dass sie gerne übersehen werden, anstatt sich selbst in den grossen Nachschlagewerken der Architekturgeschichte zu feiern.

An der Biennale Architettura 2018 lenkt der Schweizer Pavillon das Augenmerk auf eine Architektur, die, obwohl weitverbreitet, im Verborgenen liegt—den Innenraum zeitgenössischer Wohnungen. Die architektonische Hülle des Wohninterieurs ist eine der erfolgreichsten Errungenschaften der Moderne. Abgesehen von kleinen, kulturell oder klimatisch bedingten Unterschieden besteht eine Wohnung aus einem Volumen mit einer Raumhöhe von circa 240 Zentimetern, eingekleidet in weisse Wände, Sockelleisten, Holz- oder Fliessböden sowie standardisiert hergestellten Komponenten und Armaturen.

Diese Oberfläche ist eine der beständigsten und einheitlichsten Erscheinungsformen der Architektur. Sie hat nicht nur unregelmässige Schwankungen innerhalb sich ständig verändernder architektonischer Stile überlebt, sondern konnte sich unter dem Einfluss gegensätzlicher Ideologien mühelos durchsetzen. Ob bescheiden oder luxuriös, marxistisch oder faschistisch, kreativ oder klinisch—im Innenraum werden die Wünsche jeder Bauherrschaft mit der gleichen Antwort erfüllt. Denn wie alle grossen Architekturen scheint sich das Wohninterieur einfach nicht verändern zu wollen. Es propagiert sich selbst als zeitlos und unvermeidbar. Es scheint sogar, als hätte das Innere der Wohnung die Tendenz immer einheitlicher und fugenloser zu erscheinen. Elemente wie Radiatoren, Armaturen, Einbauschränke, Gesimse und Vorhangschienen verschwinden immer mehr in den Hintergrund um sich in die architektonische Oberfläche zu integrieren. Als Ergebnis eines Strebens nach Konsistenz und Integration haben wir es hier mit einer Erscheinung zu tun, die immer weniger in Erscheinung tritt.

Die House Tour
Die Sicht auf leere Wohnungen

S   Susie
L         Larry

S   I’ll give you the tour.
L         No, that’s OK. I get it.
S   What do you mean?
L         You know, it’s bedrooms,
           bathrooms … I get it.
S   You don’t want a tour?
L         You don’t need to walk me around
            …
S   Get the … out of my house.
      Get the … out right now!
L         All right, fine, I’ll take the house tour
S   I’m done. I’m over it. I’m turned off.
     Leave! Freak of … nature,
     doesn’t want a house tour...

     — Curb Your Enthusiasm (HBO),
     Staffel 3, Folge 8

Der hartnäckigen Anonymität des Interieurs tritt nun eine Gegenspielerin gegenüber. Sie nennt sich «House Tour». Auf Augenhöhe ermöglicht sie eine begehbare und mäandrierende Sicht auf das Wohnungsinnere, wobei sie die unscheinbare Hülle der Wohnung unter prüfenden Beschuss stellt. Die «House Tour» ist für manche bloss eine weit verbreitete, kodierte soziale Handlung. Für andere ist sie ein nicht weg zu denkendes Ritual. In der Schweiz beispielsweise spielt sie eine wesentliche Rolle bei der Präsentation und Bekanntmachung der architektonischen Praxis.

Eine House Tour kann sowohl persönlich, am eigenen Leibe, wie auch als Simulation, beispielsweise in Form eines Filmes erlebt werden. Im Schweizer Architekturdiskurs sind es zurzeit Fotografien unmöblierter Wohninnenräume, welche die Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Zunächst auf den Webseiten Schweizer Architekturbüros zu finden, erscheinen sie mehr und mehr in Publikationen zum Wohnungsbau. Vor nicht allzu langer Zeit beschränkte sich das Bildmaterial in Publikationen über den Wohnungsbau auf Aussenperspektiven. Mit ein wenig Glück schaffte es ein Bild vom Treppenhaus in das Buch. Heute ist es das Innenraumbild der unmöblierten Wohnung, welches als extrudierte Realität des Grundrisses in denselben Schweizer Publikationen zelebriert wird.

Das undurchschaubare Interieur
Ein architektonischer Rorschachtest

Als architektonische Dokumentationsform ist die Fotografie des unmöblierten Wohninterieur merkwürdig. Überraschend ist, dass etwas derart Offensichtliches, das auf solch direkte Weise präsentiert wird, so viele ambivalente Gedanken auslöst.

Üblicherweise wird der Erfolg eines Bildes in der Architektur an seinem Wiedererkennungswert gemessen. Bilder von unmöblierten Wohninnenräumen offenbaren jedoch eine Architektur, die wir in kollektivem Einverständnis aus unserem Gedächtnis verbannt haben. Wie die weiss gestrichenen Wände von Kunstgalerien oder protestantischen Kirchen haben die Wände einer Wohnung immer versucht, unsere Aufmerksamkeit auf anderes zu lenken als auf sich selbst. Vielleicht ist dies auch der Grund, weshalb Bilder von unmöblierten Wohnungen eigentlich einem Genre angehören, das sich innerhalb des Immobilienmarktes und nicht innerhalb der Architektur verorten lässt. Gleichzeitig könnten diese Bilder aber architektonischer nicht sein, denn alles, was sie zeigen, sind blanke Wände, Türen, Fenster und Fussböden. Und dennoch drängt sich die Frage auf, was sie eigentlich zu vermitteln versuchen. Sie sprechen nicht von Organisation, Nutzung oder Effizienz. Die architektonischen Krücken, die wir normalerweise verwenden um Projekte zu diskutieren, sind offensichtlich unterrepräsentiert.

Stellen diese Bilder Raum dar? Mag sein, doch der Blick hinter die Oberfläche bleibt uns konstant verwehrt. Die Bilder sprechen von einer Architektur, die für eine noch unbekannte Bewohnerschaft, mit unbekanntem Eigentum und unbekanntem Lifestyle entworfen wurde. Diese Quelle der Ungewissheit vermag es die architektonische Hülle von ihrem eigentlichen Zweck zu befreien und macht sie in vielerlei Hinsicht autonom. Von vielen Tatsachen erlöst, transformiert sie sich neu von einer Statistin zur Protagonistin. Und während sie ihren Blick auf uns richtet, beginnt sie zahlreiche Fragen zu stellen.

Die Leichtigkeit, mit der wir eine Wohnung als ‹Hintergrund›, ‹standardisiert› oder ‹neutral› bezeichnen, verrät ihren Status als willkürliches kulturelles Konstrukt. Wie in einem Rorschachtest droht in den Fotografien unmöblierter Wohninnenräumen der Hintergrund ständig in den Vordergrund zu kippen. Das Leere wirkt auf einmal schwer beladen. Bilder des Puren und des Reinen beginnen ihre Gegenteile zu hinterfragen: auf Yves Klein’s Le Vide folgte unmittelbar Arman’s Le Plein. Leonardo da Vinci forderte Maler_innen dazu auf, sich von unregelmässigen Flecken an der Wand inspirieren zu lassen. Le Corbusiers Gesetz des Ripolin hielt uns dazu an, diese Flecken weiss zu überstreichen. Selbst ein frischer, weisser Wandanstrich bringt uns nicht davon ab zu halluzinieren.

Fotos eines beinahe Nichts zu schiessen, erzeugt Bilder aus purer Substanz. Svizzera 240 eignet sich das Bild des unmöblierten Wohninterieurs als plastisches Medium der architektonischen Repräsentation an, und fordert zur Reflexion über ein architektonisches Thema, das allen Anschein nach bereits zu den Akten gelegt wurde.

Gebaute Repräsentation
Ein fremdes Territorium bauen

In den Schweizer Pavillon wurde kein Haus, sondern eine «House Tour» gebaut. Was Ihnen hier angeboten wird, verbirgt sich latent in den seltsamen Potentialen der Bilder unmöblierter Wohnungen. Anstatt ein Gebäude zu repräsentieren, bauen wir die Repräsentation selbst.

Im Schweizer Pavillon betreten Sie eine unmögliche Wohnung— die Konstruktion der Installation orientiert sich an den Prinzipien der Architekturfotografie und nicht an realen Wohnräumen. Das Unvermögen des Bildes Massstäblichkeit, Dimension, Tiefe oder räumliche Zusammenhänge zu vermitteln wird in gebauter Form präsentiert und schafft eine labyrinthartige Sequenz perspektivischer Innenräume. Anstatt das Wohninterieur als Aneinanderreihung privater Wohneinheiten zu verstehen, möchten wir sie gerne als eine einzige zusammenhängende topologische Oberfläche behandeln.

Die Zuverlässigkeit des 1:1 Models wurde zugunsten einer Serie von funktionslosen Massstäben verworfen. Die Räume bewegen sich zwischen 1:5, 1:2, 1:1.6, 1:1.3, 1:1.2, 1:1, 1.1:1, 1.3:1, 1.5:1 und 2:1. Die Elemente in diesem kontinuierlichen Raum sind banal, aber sie weigern sich gewöhnlich zu werden. Dies nennt sich Verfremdung oder auch Entfremdung. Willkommen im neuen Zuhause. Lassen Sie sich herumführen.

Wie werde ich Haustourist_in?
Falsche Schlüsse ziehen

Auf dieser Tour gibt es nicht viel zu tun ausser den Blick auf eine Architektur zu richten, die nie auf Grund ihres eigenen Anblicks zur Anerkennung gelangte. Aber jetzt starren wir auf ein Kontinuum weisser Flächen, die durch Türgriffe, Sockelleisten, Fensterrähmen, Steckdosen und Schranktüren hervorgehoben werden. Ein neues Ensemble von Charakteren wird ins Rampenlicht des Wohnungsbaus gerückt. Dies ist keine Architekturkritik, vielmehr eine architektonische Entdeckung. Eine Tour durch diese entfremdete Landschaft bringt Ihr Urteilsvermögen aus dem Gleichgewicht. Zu diesem Zeitpunkt sind Sie nicht mehr länger Bewohner_in, Architekt_in oder Bauherr_in—Sie verwandeln sich in ein neues Subjekt: Sie sind jetzt Haustourist_in.

Sie richten Ihren Blick auf Dinge, die Ihnen bekannter nicht sein könnten. Doch jetzt öffnet die Magie der touristischen Naivität die Türen für Missinterpretationen. Subjektivität betritt die Szene und ebnet den Weg für alternative Lesungen. Was ist öffentlich? Existiert Privatheit? Wo ist die Fassade? Sie sehen ihr direkt in die Augen. Und wer lebt hier? Wir alle.

Über die Kurator_innen und Aussteller_innen

Die Architektinnen und Architekten Alessandro Bosshard (MSc ETH Arch.), Li Tavor (MSc ETH Arch.), Matthew van der Ploeg (M.Arch, UIC) und Ani Vihervaara (M.Arch, BAS) leben und arbeiten in Zürich. Sie sind seit 2015 gemeinsam als wissenschaftliche Mitarbeitende an der ETH Zürich tätig, Bosshard, Tavor und van der Ploeg zurzeit an der Assistenzprofessur für Architektur und Städtebau von Prof. Dr. Alex Lehnerer.

Impressum

Im Auftrag der Eidgenossenschaft fördert die Schweizer Kulturstiftung Pro Helvetia das künstlerische Schaffen in der Schweiz, trägt im Inland zum kulturellen Austausch bei, fördert die Verbreitung von Schweizer Kultur im Ausland und setzt sich für Kunstvermittlung ein. Als Kommissärin der Ausstellung im Schweizer Pavillon ist Pro Helvetia für die Schweizer Beiträge an der Biennale Arte und Biennale Architettura in Venedig zuständig. Die Schweiz nimmt seit 1920 an der Biennale Arte und seit 1991 an der Biennale Architettura teil.

Kommissäre,
Schweizer Kulturstiftung Pro Helvetia:
Marianne Burki, Leitung Visuelle Künste, Sandi Paucic, Projektleitung, Rachele Giudici Legittimo, Projektkoordination

Jury, Architekturbiennale,
Schweizer Kulturstiftung Pro Helvetia:
Marco Bakker, Architekt bei Bakker & Blanc architectes, Lausanne und Zürich, und Prof. EPFL ENAC, Francesco Buzzi, Architektonische Leitung bei Buzzi studio d’architettura, Locarno und Präsident BSA Tessin Irina Davidovici, Architektin und Wissenschaftlerin, ETH Zürich, Céline Guibat, Architektin mijong architecture design, Sion und Zürich, Isa Stürm, Architektin bei Isa Stürm Urs Wolf SA, Zürich

Projektmitarbeit,
Schweizer Kulturstiftung Pro Helvetia:
Cleoriana Benacloche, Martina Lughi, Jacqueline Wolf

Medienarbeit Schweiz,
Schweizer Kulturstiftung Pro Helvetia:
Marlène Mauris, Lisa Stadler

Medienarbeit International:
Pickles PR, Caroline Widmer, Camille Regli

Kuratorinnen und Kuratoren,
Ausstellerinnen und Aussteller:
Alessandro Bosshard, Li Tavor, Matthew van der Ploeg, Ani Vihervaara

Projektarchitektin:
Milena Buchwalder

Audioinstallation:
Nicolas Buzzi, Li Tavor

Artwork:
Shirana Shahbazi

Fotolabor:
Tricolor Bildproduktion

Grafikdesign Ausstellung:
Studio Martin Stoecklin, Zürich
with Adrian Schnegg

Website:
pokus.ch, Zürich
Ron Widmer

Schrift:
Everett, Nolan Paparelli

Fotografie Pavillon:
Wilson Wootton,
© Wilson Wootton, Alessandro Bosshard, Li Tavor, Matthew van der Ploeg, Ani Vihervaara

Architektonische Beratung Pavillon:
Alvise Draghi

Bauunternehmer Ausstellung:
Adunic, Sandro Usznula

Bauleiter:
Adunic, Billy Beck

Schalter und Beschläge:
Kunstgiesserei St. Gallen, Noel Hochuli
Glutz AG, Renato Caccivio

Beleuchtung:
Neuco, Thomas Lack

Fundraising:
Manuela Schlumpf, Aline Feichtinger

www.prohelvetia.ch
www.biennials.ch

Ein Projekt von
Alessandro Bosshard,
Li Tavor,
Matthew van der Ploeg,
Ani Vihervaara



26. Mai–
25. November
2018

Öffnungszeiten:
Mo–So
10:00–16:00h
Publikation:
House Tour: Views of the Unfurnished Interior

info@svizzera240.ch

Main sponsors

Sponsoren

Supported by

Impressum

Impressum

Im Auftrag der Eidgenossenschaft fördert die Schweizer Kulturstiftung Pro Helvetia das künstlerische Schaffen in der Schweiz, trägt im Inland zum kulturellen Austausch bei, fördert die Verbreitung von Schweizer Kultur im Ausland und setzt sich für Kunstvermittlung ein. Als Kommissärin der Ausstellung im Schweizer Pavillon ist Pro Helvetia für die Schweizer Beiträge an der Biennale Arte und Biennale Architettura in Venedig zuständig. Die Schweiz nimmt seit 1920 an der Biennale Arte und seit 1991 an der Biennale Architettura teil.

Kommissäre,
Schweizer Kulturstiftung Pro Helvetia:
Marianne Burki, Leitung Visuelle Künste, Sandi Paucic, Projektleitung, Rachele Giudici Legittimo, Projektkoordination

Jury, Architekturbiennale,
Schweizer Kulturstiftung Pro Helvetia:
Marco Bakker, Architekt bei Bakker & Blanc architectes, Lausanne und Zürich, und Prof. EPFL ENAC, Francesco Buzzi, Architektonische Leitung bei Buzzi studio d’architettura, Locarno und Präsident BSA Tessin Irina Davidovici, Architektin und Wissenschaftlerin, ETH Zürich, Céline Guibat, Architektin mijong architecture design, Sion und Zürich, Isa Stürm, Architektin bei Isa Stürm Urs Wolf SA, Zürich

Projektmitarbeit,
Schweizer Kulturstiftung Pro Helvetia:
Cleoriana Benacloche, Martina Lughi, Jacqueline Wolf

Medienarbeit Schweiz,
Schweizer Kulturstiftung Pro Helvetia:
Marlène Mauris, Lisa Stadler

Medienarbeit International:
Pickles PR, Caroline Widmer, Camille Regli

Kuratorinnen und Kuratoren,
Ausstellerinnen und Aussteller:
Alessandro Bosshard, Li Tavor, Matthew van der Ploeg, Ani Vihervaara

Projektarchitektin:
Milena Buchwalder

Audioinstallation:
Nicolas Buzzi, Li Tavor

Artwork:
Shirana Shahbazi

Fotolabor:
Tricolor Bildproduktion

Grafikdesign Ausstellung:
Studio Martin Stoecklin, Zürich
with Adrian Schnegg

Website:
pokus.ch, Zürich
Ron Widmer

Schrift:
Everett, Nolan Paparelli

Fotografie Pavillon:
Wilson Wootton,
© Wilson Wootton, Alessandro Bosshard, Li Tavor, Matthew van der Ploeg, Ani Vihervaara

Architektonische Beratung Pavillon:
Alvise Draghi

Bauunternehmer Ausstellung:
Adunic, Sandro Usznula

Bauleiter:
Adunic, Billy Beck

Schalter und Beschläge:
Kunstgiesserei St. Gallen, Noel Hochuli
Glutz AG, Renato Caccivio

Beleuchtung:
Neuco, Thomas Lack

Fundraising:
Manuela Schlumpf, Aline Feichtinger

www.prohelvetia.ch
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